Inhaftierte Hebamme Anna Rockel-Loenhoff erhält Gefangenen-Literaturpreis

Ich habe Anna seit ihrer Verurteilung im Sommer 2016 und ihrer Inhaftierung am 23.Dezember 2016 nun schon viele Male über das Gefängnistelefon interviewt. Hier die Playlist.
Jetzt war sie anlässlich der Verleihung des Ingeborg-Drewitz-Preises für Gefängnisliteratur in Dortmund, und ich habe die Gelegenheit genutzt, sie
mit Kameras zu interviewen. Leider hat uns die Technik einen Streich gespielt, so dass die Nahaufnahmen von Annas Gesicht und auch alle Fotos, die ich von ihr gemacht habe, verlorengegangen sind. Trotzdem endlich mal wieder ein Video mit Anna, wie sie leibt und lebt.
Sie hat sich erst jetzt, nach fast zwei Jahren Haft, ein bisschen von dem Schock erholt, dass sie tatsächlich ein- und weggesperrt wurde.  Nun fängt sie an, sich zu wehren, hat mit Unterstützung fachkundiger Freunde das Urteil durchgearbeitet und die Oberstaatsanwaltschaft in einem Brief auf die gröbsten der zahllosen Ungereimtheiten hingewiesen. Zum Beispiel: Warum wurde sie wegen Totschlag verurteilt, obwohl sie – steht sogar im Urteil – ein natürlich und komplikationslos entbundenes Kind, das nicht atmete, LEBEND an den sofort herebeigerufenen Notarzt übergeben hat? Warum schaltete dieser den Monitor mit den vorhandenen Herztönen des Kindes nach 10 Minuten aus und erklärte das Kind für tot, obwohl eigentlich 30 Minuten Null-Linie vorgeschrieben sind? (Eile kann es nicht gewesen sein, denn er blieb danach noch stundenlang da.) Warum war das Protokoll dieser Herztöne im Prozess nicht mehr auffindbar? Warum wurde als Referenz-Urteil für einen Totschlag ein völlig anderer Fall angegeben, in dem jemand der Ermordung eines Erwachsenen mit einem Lederriemen untätig zusieht? Warum wurde der Notarzt nicht zur Rechenschaft gezogen, geschweige denn verurteilt, sondern stattdessen Anna? Warum haben die Eltern, obwohl sie extra aus Litauen angereist waren und sich eigens in einem Hotel nahe Annas Geburtspraxis einquartiert hatten, nicht wie vereinbart nach Einsetzen der Wehen die Praxis aufgesucht, sondern den ganzen Tag ohne Anna im Hotel zugebracht und sie erst zu einem sehr späten Zeitpunkt hinzugerufen, als es der Frau nicht mehr möglich schien, sich in die Praxis zu begeben? Warum wurden die tödlich hohen Giftwerte in der vergrößerten Leber des Kindes nicht berücksichtigt, sondern als  Schlamperei des Untersuchungslabors  abgetan? Und so weiter…
Das Interview scheint mir sehr bewegend, bitte teilt es, schreibt und redet über Anna. Sie ist in meinen Augen eine politische Gefangene.
https://youtu.be/GAmv0TuNW4g

6 comments
  1. PetraR

    Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene
    Anna Rockel-Loenhoff ausgezeichnet

    Als eine von 14 PreistägerInnen wurde am 11. November 2018 Anna Rockel-Loenhoff mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene ausgezeichnet. Ihr Text „Die Menschenwürde ist angreifbar” schildert eindringlich und reflektierend die persönliche Erfahrung, wie die ehemalige Geburtshelferin vor zwei Jahren am Abend des 17. Dezember 2016, für sie unerwartet, in ihrem Haus von vier zivilen Polizeibeamten abgeholt und in Handschellen zum Antritt ihrer Gefängnisstrafe abgeholt worden war. Das Urteil „schuldig des Totschlags“ war im Oktober 2014 nach einem Aufsehen erregenden Prozess am Landgericht Dortmund gefallen. Ihr war zur Last gelegt worden, für den Tod eines kleinen Mädchens bei seiner außerklinischen Geburt verantwortlich zu sein (siehe Baumgarten, DHZ 4/2013 bis 12/2014).

    Mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis sollen zum einen Inhaftierte unterstützt werden, ihre Situation literarisch zu verarbeiten. Zum anderen soll den Texten von Gefangenen mehr Öffentlichkeit verschafft und damit die kritische Auseinandersetzung mit dem Strafvollzug gefördert werden.

    Die ausgewählten 16 sehr unterschiedlichen „Texte aus dem deutschen Strafvollzug 2018“ werden im Rhein-Mosel-Verlag als Buch unter dem Titel „Begegnungen in der Welt des Widersinns” herausgegeben.

    Quelle: Katja Baumgarten, 15.11.2018 ∙ DHZ

  2. Avatar

    Hallo,
    das Konto der Anna Rockel-Loenhoff ist aufgelößt.
    Diese Nachricht bekam ich heute, am 8.3.19!
    Liebe Grüße
    Ralph Engel

    1. Dagmar Neubronner

      Danke! Ich kümmere mich sofort um aktuelle Informationen!

      1. Avatar

        Sehr geehrte Frau Neubronner,

        wo kann man denn Frau Roeckel-Leonhoffs Text „Die Menschenwürde ist angreifbar” lesen?

        Beste Grüsse aus Zagreb,
        Natali Tabak Gregorić

        1. PetraR

          Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene
          Anna Rockel-Loenhoff ausgezeichnet

          Als eine von 14 PreistägerInnen wurde am 11. November 2018 Anna Rockel-Loenhoff mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis für Gefangene ausgezeichnet. Ihr Text „Die Menschenwürde ist angreifbar” schildert eindringlich und reflektierend die persönliche Erfahrung, wie die ehemalige Geburtshelferin vor zwei Jahren am Abend des 17. Dezember 2016, für sie unerwartet, in ihrem Haus von vier zivilen Polizeibeamten abgeholt und in Handschellen zum Antritt ihrer Gefängnisstrafe abgeholt worden war. Das Urteil „schuldig des Totschlags“ war im Oktober 2014 nach einem Aufsehen erregenden Prozess am Landgericht Dortmund gefallen. Ihr war zur Last gelegt worden, für den Tod eines kleinen Mädchens bei seiner außerklinischen Geburt verantwortlich zu sein (siehe Baumgarten, DHZ 4/2013 bis 12/2014).

          Mit dem Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis sollen zum einen Inhaftierte unterstützt werden, ihre Situation literarisch zu verarbeiten. Zum anderen soll den Texten von Gefangenen mehr Öffentlichkeit verschafft und damit die kritische Auseinandersetzung mit dem Strafvollzug gefördert werden.

          Die ausgewählten 16 sehr unterschiedlichen „Texte aus dem deutschen Strafvollzug 2018“ werden im Rhein-Mosel-Verlag als Buch unter dem Titel „Begegnungen in der Welt des Widersinns” herausgegeben.

          Quelle: Katja Baumgarten, 15.11.2018 ∙ DHZ

        2. Avatar

          Die ausgewählten 16 sehr unterschiedlichen „Texte aus dem deutschen Strafvollzug 2018“ werden im Rhein-Mosel-Verlag als Buch unter dem Titel „Begegnungen in der Welt des Widersinns” herausgegeben.

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